Salsa Compass

SAAL IV

Instrumente & Musik

Wer verstehen will, warum sich Salsa nach vorne zieht, muss zwei Dinge begreifen: die Clave und den vorgezogenen Bass. Dieser Saal lässt beides hören.

Plakatgrafik mit Congas, Clave-Stäben und einer Campana

Das Zentrum

Die Clave

Clave heisst auf Spanisch «Schlüssel» — und das ist wörtlich gemeint. Der Begriff bezeichnet zweierlei: zwei kurze, dicke Hartholzstäbe, von denen einer hohl in der Hand liegt und als Resonanzraum dient, und ein Rhythmusmuster aus fünf Schlägen, das sich über zwei Takte erstreckt.

Dieses Muster ist der Bezugspunkt für alles andere. Das Klaviermuster, die Basslinie, die Conga, die Bläserakzente und der Bruchschritt der Tanzenden sind daran ausgerichtet. Ein Arrangement, das sich gegen die Clave stellt, klingt für geübte Ohren schlicht falsch — man sagt dann, es sei cruzado, gekreuzt.

Vier Muster

Es gibt zwei Grundformen, jeweils in zwei Ausrichtungen:

  • Son-Clave — der dritte Schlag der Dreier-Seite fällt auf die Vier. Klingt runder, gefälliger. Der Normalfall in der Salsa.
  • Rumba-Clave — dieser dritte Schlag rutscht um eine Achtel nach hinten, auf das «Und» der Vier. Klingt kantiger, spannungsreicher. Kommt aus der afrokubanischen Rumba.
  • 3-2 oder 2-3 — welcher der beiden Takte zuerst kommt: der mit drei Schlägen oder der mit zweien. Das richtet sich nach der Melodie, nicht umgekehrt.

Klein, aber folgenreich

Die Son-Clave ist auch ausserhalb der lateinamerikanischen Musik bekannt: Im angelsächsischen Rock'n'Roll heisst dieselbe Figur «Bo-Diddley-Beat».

Die Clave hören

16 Felder = die Zählzeiten 1 bis 8 mit den «&» dazwischen. Die goldenen Felder sind die fünf Schläge. Wählen Sie ein Muster, drücken Sie Abspielen — und versuchen Sie, mit «Selbst klopfen» mitzuhalten.

Muster
96 bpm

Sie hören eine Aufnahme echter Clave-Stäbe. Die Audiodatei wird lokal vom Museumsserver geladen.

Hörtipp: Son gegen Rumba

Schalten Sie zwischen «Son 2-3» und «Rumba 2-3» hin und her, ohne das Tempo zu ändern. Nur ein einziger Schlag verschiebt sich um eine Achtel — und das ganze Gefühl kippt.

Zum Auseinandernehmen

Das Ensemble

Salsa ist kein Klangteppich, sondern ein Uhrwerk aus ineinandergreifenden Mustern. Schalten Sie die Stimmen einzeln zu und hören Sie, was jede beiträgt. Beginnen Sie mit der Clave allein, legen Sie dann Conga und Bass darüber.

96 bpm

Rasterschrift — zwei Takte in Achteln

Dunkelrot = betonter Schlag, grün = normaler Schlag. Die Muster sind für das Achtelraster vereinfacht; in der Praxis spielen Conga, Timbales und Güiro zusätzlich Sechzehntel und unterschiedliche Anschlagsarten.

Alle Stimmen verwenden Aufnahmen akustischer Instrumente statt synthetischer Wellenformen. Mit den Reglern neben den Spuren lässt sich jedes Instrument einzeln ausbalancieren.

Die Sammlung

Instrument für Instrument

Zu jedem Instrument steht hier nicht nur, was es ist, sondern auch, was Tanzende davon hören — denn nicht jedes Instrument hilft beim Finden des Takts gleich gut.

Congas / Tumbadoras

Perkussion — das Fundament

Hohe, schmale Handtrommeln, meist zwei bis drei nebeneinander. Sie spielen den tumbao oder marcha: ein gleichmässiges Muster aus gedämpften Schlägen, einem Slap und — entscheidend — zwei offenen, klingenden Tönen auf der Vier und dem darauffolgenden «Und».

Rolle
«Der Bass der Perkussion»
Für Tanzende
Der Slap auf der Zwei ist der Bezugspunkt des New Yorker On2.

Bongó und Campana

Perkussion — die Führungsstimme

Der bongocero hat zwei Aufgaben in einem Stück. In den Strophen spielt er auf den kleinen Bongos den martillo, den «Hammer»: ein dichtes, laufendes Achtelmuster mit vielen Verzierungen. Im Montuno-Teil legt er die Bongos weg und greift zur grossen Handglocke, der campana.

Rolle
«Die Leadgitarre der Perkussion»
Für Tanzende
Setzt die Glocke ein, beginnt der Chorteil — das ist der Moment für die grossen Figuren.

Timbales

Perkussion — Akzente und Signale

Flache Metallkessel auf einem Ständer, gespielt mit dünnen Stöcken; sie stammen von der Pauke ab. In ruhigen Passagen spielt der timbalero die cáscara auf dem Kesselrand, in lauten wechselt er auf die Mambo-Glocke. Sein wichtigstes Werkzeug ist der abanico — ein Wirbel wie ein aufgeschlagener Fächer, der einen Abschnitts­wechsel ankündigt.

Rolle
Übergänge, Breaks, Soli
Für Tanzende
Der Abanico ist die Vorwarnung: gleich ändert sich etwas.

Güiro und Maracas

Perkussion — die Textur

Das güiro ist ein gekerbter, ausgehöhlter Flaschenkürbis, über den ein Stäbchen gezogen wird — lange und kurze Striche im Wechsel. Die Maracas halten die Unterteilung durchgehend. Beide fallen kaum auf, aber ohne sie klingt ein Arrangement seltsam leer.

Rolle
Füllen den Raum zwischen den Schlägen
Herkunft
Güiro aus der Charanga-Tradition

Klavier

Harmonie und Rhythmus zugleich

Das Klavier spielt nicht Akkorde, sondern den montuno beziehungsweise guajeo: eine zweitaktige, stark synkopierte Figur aus gebrochenen Akkorden, in der rechten Hand oft in Oktaven. Sie wiederholt sich unablässig und ist exakt an der Clave ausgerichtet. Im traditionellen Son übernimmt der tres diese Rolle.

Rolle
Das harmonisch-rhythmische Triebwerk
Herkunft
Von Arsenio Rodríguez ins Conjunto eingeführt

Bass

Der vorgezogene Puls

Der wichtigste und am meisten übersehene Punkt der ganzen Salsa. Der Bass spielt den tumbao: Er trifft das «Und» der Zwei und die Vier — und lässt die Eins bewusst aus. Zusätzlich nimmt er den nächsten Akkord oft schon vorweg, bevor die Harmonie tatsächlich wechselt.

Genau daher kommt der Sog nach vorne. Wer als Tanzende oder Tanzender «die Eins nicht findet», sucht sie oft im Bass — und dort ist sie nicht.

Rolle
Vorwärtsdrang durch Vorwegnahme
Für Tanzende
Für die Eins besser auf Klavier oder Glocke hören.

Bläser

Trompeten und Posaunen

Die Trompeten liefern helle Akzente und die moña — arrangierte Riffs, die sich im Chorteil übereinanderschichten. Die Posaune ist das Markenzeichen des New Yorker Klangs: Willie Colóns rauer, absichtlich unglatter Posaunensatz definierte die Salsa dura, Eddie Palmieri hatte den Weg mit seiner La Perfecta gewiesen.

Rolle
Akzente, Riffs, Steigerung
Klangfarbe
Posaune = New York, Trompete = kubanisches Conjunto

Tres

Die Stimme des Son

Die kubanische Gitarre mit drei doppelt bezogenen Saitenpaaren. Ihr trockener, metallischer Klang trägt im traditionellen Son die Guajeos — die Muster, die im Conjunto später ans Klavier übergingen. Arsenio Rodríguez war ihr grösster Meister.

Rolle
Melodisch-rhythmisches Zentrum des Son
Bauart
Drei Doppelchöre

Formationen

Drei Besetzungen

Die drei historischen Ensembletypen und ihre Besetzung
FormationBesetzungRepertoirePrägend
Conjunto Klavier, Bass, Conga, Bongó, zwei bis vier Trompeten, Gesang Son montuno, Guaracha, Salsa Arsenio Rodríguez, ab 1940
Charanga Querflöte, Geigen, Klavier, Bass, Güiro, Timbales Danzón, Cha-cha-chá, Pachanga Arcaño y sus Maravillas, Orquesta América
Big Band / Orquesta voller Saxophon-, Trompeten- und Posaunensatz plus Rhythmusgruppe Mambo, Afro-Cuban Jazz Machito, Tito Puente, Palladium-Ära

Die Form

Wie ein Salsa-Stück gebaut ist

Fast jedes Stück folgt derselben Dramaturgie — geerbt vom Son. Wer sie kennt, kann beim Tanzen voraussehen, was als Nächstes kommt.

1

Canto / Largo

Der gesungene Teil mit festem Text und fester Melodie. Ruhiger, dünner instrumentiert; der Bongocero spielt Martillo. Hier wird die Geschichte erzählt.

2

Montuno

Der Wechselgesang. Ein fester Chor (coro) wiederholt eine kurze Zeile, dagegen improvisiert der Vorsänger — der sonero — seine soneos. Der Bongocero wechselt zur Glocke, die Energie steigt spürbar an.

3

Mambo / Moña

Arrangierte Bläsersätze, die sich Schicht um Schicht übereinanderlegen, oft unterbrochen von Perkussions-Breaks. Der lauteste und dichteste Teil des Stücks — und der, an dem sich Arrangeure messen lassen.

4

Rückkehr

Zurück zum Chor oder zu einem Refrain, häufig mit einem letzten Break oder einem abrupten Schluss. Bei Live-Aufnahmen kann sich dieser Teil über viele Minuten hinziehen — dann spricht man von einer descarga, einer Jam-Session.